Am Rande des Alltags 5


Bereits über 7 Prozent der Alltagsgegenstände sind betroffen und mittlerweile scheint es, als sei kein Alltagsfeld davon verschont. Mit der Vitrine als Expertin sprach ich über die Entwicklung und die Maßnahmen, mit denen die Alltagsvorsorge die Betroffenen aufzufangen versucht.

vitrine

routina: Vitrine, Sie haben tagtäglich mit alltagslosen Gegenständen zu tun.
Vitrine: Ich finde das Wort „alltagslos‟ sehr hart. Ihr ursprünglicher Zweck mag diesen Gegenständen genommen worden sein, doch sie werden durchaus noch verwendet.
routina: Tatsächlich?
Vitrine: Selbstverständlich. Sie erfreuen das Auge. Ein Glasschale, eine Vase ohne Blumen – wirtschaftlichen Nutzen mögen sie keinen haben, doch sie bringen Wärme in einen kargen Raum.
routina: Naja, das ist nun eine sehr liberale Ansicht. Aber rein rechtlich betrachtet sind diese Gegenstände alltagslos.
Vitrine: Nun, besser alltagslos als gegenstandslos, nicht wahr.

routina: (lacht) Da haben Sie wohl recht. Ist Alltagslosigkeit denn ein neues Phänomen?
Vitrine: Definitiv. Mehrzweck gibt es so gut wie gar nicht mehr. Früher war ein Gefäß gleichzeitig Kochtopf, Suppenschale und Kaffeebecher. Heute muss es für jeden Zweck einen, wenn nicht gar zwei eigene Gegenstände geben. Natürlich kommt es da schnell zur Alltagslosigkeit.
routina: Sie halten das für unnötig?
Vitrine: Auf jeden Fall. Alltag ist noch immer genug für alle da – schlicht die Verteilung ist eine ungerechte.
routina: Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Vitrine: Das Kaffeeservice. Es ist ja nicht, als tränken die Menschen keinen Kaffee mehr. Und doch steht das Service tagein tagaus in meinem Inneren, während der Kaffee in Strömen in die großen Becher fließt und der Kuchen auf Beilagentellern serviert wird.
routina: Aber ist das dann nicht auch eine Art Mehrzweck?
Vitrine: Selbstverständlich. Der Unterschied ist eben der, dass die Gegenstandspalette früher eine kleinere war. Käsebrote gibt es noch immer ausreichend für die kleinen Teller, selbst wenn der Kuchen ihnen genommen wird.
routina: Ich verstehe.

Vitrine: Übrigens existieren ganz verschiedene Formen der Alltagslosigkeit.
routina: Tatsächlich? Welche sind das?
Vitrine: Beispielsweise die saisonale Alltagslosigkeit, wie wir sie beim Nussknacker sehen. Auf ein kurzes Hoch im Herbst und Winter folgt eine lange Durststrecke, während der er alltagslos herumsteht. Oder die Langzeit-Alltagslosigkeit, davon ist heutzutage zum Beispiel der Briefbeschwerer betroffen.
routina: Wie sieht es aus mit dem Aschenbecher?
Vitrine: Nun, das ist eine sehr traurige Form: Alltagsunfähigkeit von einem auf den anderen Tag.
routina: Wie das?
Vitrine: Wenn der Zweck eines Gegenstands zeitlich oder thematisch nicht mehr in den Alltag des Menschen passt.

routina: Wie wirkt sich diese Alltagslosigkeit psychisch auf die Gegenstände aus?
Vitrine: Furchtbar! Unverständlich mag das für Sie als Menschen klingen, doch Alltag ist nun einmal unsere Bestimmung. Nehmen Sie einem Alltagsgegenstand seinen Alltag und er wird letztlich zugrunde gehen. Gegenmaßnahmen müssen unbedingt eingeleitet werden, um diese Entwicklung aufzuhalten.
routina: Gegenmaßnahmen? Wie kann ich mir das vorstellen?
Vitrine: Ich habe ein recht wirksames Konzept entwickelt. Nennen Sie es Mini-Alltag, wenn Sie möchten. Ein gutes Beispiel ist der Bierkrug. Ohne Bier kann er seinen Zweck nicht erfüllen, doch seine Menschen trinken Bier niemals aus Krügen, erst recht nicht aus solchen. Dieser Umstand wird ihn früher oder später an den Abgrund treiben. Die Regalkante ist nah, wissen Sie. Doch Ausgleich erhält er nach meinem Konzept in Form von Glasperlen.
routina: Glasperlen? Wird das jetzt irgendwie esoterisch?
Vitrine: Ich sprach von Glasperlen, nicht von Räucherstäbchen. Er sammelt sie in seinem Inneren. Damit wird er automatisch zum Lagergegenstand.
routina: Ich verstehe. Und mit diesem System schützen Sie Gegenstände vor der Alltagslosigkeit?
Vitrine: Im Rahmen des Möglichen, ja. Ein etwas radikaleres Beispiel ist der vorhin angesprochene Briefbeschwerer.
routina: Auch er hat einen Mini-Alltag? Welchen?
Vitrine: Als Mordwaffe.
routina: (lacht)
Vitrine:
routina: Ähm, ja, tja dann … Herzlichen Dank für das Interview.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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5 Gedanken zu “Am Rande des Alltags

  • Gluehbirne

    Mich würde trotzdem interessieren, wo genau die Grenze gezogen wird zwischen Alltagslosigkeit und Dekoration. Ist eine Porzellanfigur alltagslos? Ist ein buntes Weinglas in der Vitrine alltagslos? Bin ich alltagslos?
    Wieso sind Sie in dem Interview nicht darauf eingegangen, werte routina?