An der Wand


Spiegel_1

Dass die Menschen recht eitle Geschöpfe sind, darüber brauchen wir nicht reden, schätze ich. Mir ist jedenfalls kein anderes Wesen bekannt, das sich farblich abgestimmten Dreck über die Augen schmiert, bevor es zur Kopulation schreitet, oder ein Individuum aus dem Rudel verstößt, weil sein Fell keine drei Streifen aufweist.

Unsereins ist natürlich der erste Ansprechpartner: Augenbrauen in die richtige Stellung kämmen, Lippen mit Erdbeer-Maracuja-Geschmack färben, das Aufreißerlächeln justieren, den Scheitelwinkel ausmessen, den Dreitagebart portionieren, den Push-Up ausrichten. Oder aber: mit einem entsetzten Stöhnen Augenringe fester in die Wangen reiben. Spinatreste eliminieren. Wandwangenweißabgleich.

Die Menschen sind recht eitle Geschöpfe, da sind wir uns einig – und ohne unsere Hilfe stünden sie noch immer in der Steinzeit und betrachteten ihre Gesichter in der kreiselnden Oberfläche eines Tümpels.

Im Gegenzug besprenkeln sie uns mit Zahnpasta und Pickeleiter, beschlagen uns mit schlechtem Atem, schmieren uns nach dem Duschen vergängliche Botschaften auf die Oberfläche oder Erdbeer-Maracuja-Ziffern, bekleben uns mit Fotos aus besseren Zeiten und Zeitungsausschnitten von besseren Menschen.
Denken sie, unser Aussehen sei uns egal? Dass wir keinen Anspruch an Ästhetik haben? Keinen Stil?

Einmal möchte ich um meiner selbst Willen angesehen werden, einmal Komplimente hören, die tatsächlich an mich gerichtet sind und nicht an das personifizierte Spiegelbild ihrer selbst. Ich bin schön! Und so möchte ich gesehen werden. Mit Oberflächlichkeit brauchen Sie mir gar nicht kommen – natürlich bin ich oberflächlich. Oberfläche ist mein Job.

Ich sehe das so: meine Schönheit gegen ihre. Sie wertschätzen meine nicht? Schön, dann weigere ich mich, zur Wertschätzung ihrer zu existieren. Sie wollen meine nicht sehen? Schön, dann sollen sie auch ihre nicht sehen. Diese Ignoranz, diese Instrumentalisierung, das betrübt, trübt: zunächst meine Oberfläche, dann ihren Blick – und damit schließlich auch ihre Schönheit.

Und als eitle Geschöpfe, die sie sind, können die Menschen sich dann ja immer noch an ihrer inneren Schönheit erfreuen.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.