Augenwischerei 2


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Glasige Augen. Ein schöner Ausdruck. So bildlich. Finden Sie? Schon mal überlegt, wie es sich für ein Glas anfühlt, als Adjektiv das beeinträchtigte Sehorgan alkoholumnebelter Jammerlappen zu beschreiben? Nicht so angenehm, glauben Sie mir.

Dabei kann es schön sein. Wirklich. Die Menschen trinken zusammen ein ich. Sie werfen sich über mir Blicke zu. Schauen sich tief in die Augen. Oder eben: zu tief in mich. Und dann fängt der Ärger an – und der nächste tiefe Blick geht in die Porzellanabteilung.

Ich finde das anstrengend, diese Blicke, die ständige Aufmerksamkeit: Wenn ich halb voll bin, sind alle zufrieden, bin ich halb leer, geht die Welt unter, bin ich sauber, klappt es mit dem Nachbarn. Scheinbar stehe ich im Mittelpunkt, in Wahrheit dreht sich alles um die Emotionen der Menschen. In literweise Rotwein weichen sie ihre Probleme ein, kauen sie durch und spucken sie genüsslich zurück, um sie schwer und sauer an meinem Boden zurückzulassen. Herzlichen Dank auch, ich entsorge das gerne.

Ah, und der Rotwein! „Eine fruchtige Note, einfach köstlich.“ – „Dieser süße Abgang, himmlisch.“ – „Passt ausgezeichnet zum Fleisch!“ Ich bin aus Murano, verdammt, mehr wert als eine Flasche spanischer Supermarktplörre. Ich habe die Maße, von der Saftglas und Cognacschwenker träumen, die perfekte Rundung über einem schlanken Stiel, und einen Fuß, den nichts so leicht ins Wanken bringt. Ich bin ein Kunstwerk, kein Gefäß für minderwertige Flüssigkeiten.

Sie glauben nicht, wie leid ich es bin. Speichel. Fingerabdrücke. Lippenstift an meinem Rand. Korkiger Rotwein. Und vor allem: Tränen in glasigen Augen. Was gehen mich die Probleme der Menschen an, ihre Dramen und Geschäftsessen, ihre Dates und ihr Liebeskummer, ihre Dinnerpartys und Fernsehabende? Und dann, am nächsten Morgen, zum Dank fürs Zuhören: ein Bad in fettigem Spülwasser, an den besseren Tagen gefolgt von einigen Stunden auf dem Abtropfgitter. An den schlechten von einer ruppigen Massage mit einem Handtuch, an dem noch Bolognese vom Vortag klebt.

Ich habe oft darüber nachgedacht, mich einfach vom Rand rutschen zu lassen. Ein kurzer Fall, und dann: Ende.

Scherben bringen Glück.

Vielleicht.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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2 Gedanken zu “Augenwischerei

  • rechterSchuh

    Bleib stark! Das Altglas ist keine Lösung. Geh deinen Weg, und mit ein bisschen Glück wirst du aussortierst und landest an einem Ort, an dem man dich und deinen Charakter zu schätzen weiß!

  • Cognacschwenker

    Ich fühle mit dir, Weinglas, aber: Wieso ist es in diesem Alltag nicht möglich, seinen Unmut über Zustände kundzutun, ohne andere zu denunzieren? Was habe ICH mit DEINEN Problemen zu tun?
    MIR geht es nämlich gut. ICH bin zufrieden mit meinem Alltag. Meinen Aufgaben. Und meiner Form, ob du’s glaubst oder nicht.

    Ich verbitte es mir, als Neider oder Nörgler dargestellt zu werden.

    Trotzdem alles Gute an dich!