Aus dem Fokus 1


Wenn die eigene Geschichte mit dem letzten Bild der Slideshow endet

Ich hab einen guten Blick für die Realität. Für zeitlos Schönes. Und für Vergängliches. Niemals hätte ich mich letztgenannter Rubrik zugeordnet. Aber sehen wir der Wahrheit ins Auge: Ich bin out. Passé. Fini. Ausgelaufen wie eine zerplatzte Milchtüte. Abgeschrieben wie ein Algebratest.

Kompaktkamera_01_01

Früher war ich ein Weltenbummler. Freiheitsstatue und Ayers Rock, Reeperbahn und Niagarafälle. Ich sammelte Eindrücke wie der Kulturbeutel Duschpröbchen.

Früher war ich ein Abenteurer. Ich durchbrach mit einem einzigen Blitz die Düsternis der Felsgrotte, fand den Tautropfen auf dem Trockenrasen, begab mich auf die Suche nach Moorleichen und folgte dem Licht des Leuchtturms bis weit hinaus aufs Meer.

Früher war ich ein Kulturfan. Makrobisch verewigte ich den Speichel, der mit der Gretchenfrage von Fausts Lippen spritzte, erfasste im Panorama-Modus die Breite von Taylor Hawkins‘ Grinsen, feuerte gar einen Schnappschuss auf Frans Banning Cocq.

Früher war ich ein Künstler. Eine leere Konservendose füllte ich mit Leben, ein durchschnittliches Gesicht mit Schönheit, eine leidenschaftslose Szene mit Ausdruck. Ich vermochte es, die Menschen in ihresgleichen, in Tieren und in Gegenständen lesen zu lassen wie in einer Sonntagszeitung.

Früher war ich ein Familientyp. Am Weihnachtsmorgen verwob ich das Muster des Geschenkpapiers mit dem der Tapete, bei Tauf-Feiern die Färbung des Dekolletés der Taufpatin mit der der Pfarrersnase.

Früher war ich ein Sportfan. Kein Schweißtropfen entging meinem Zoom, kein Trikot war zu grell für meinen Farbabgleich, kein Sprint zu schnell für meinen Bildstabilisator.

Früher war ich ein Jäger. Ich fing die bunte Euphorie des Regenbogens ebenso ein wie die Hektik der Großstadt und die Melancholie des Sonnenuntergangs.

Heute bin ich eine Last. Zu groß, zu schwer, zu träge. Der Akku zu schwach, die Speicherkarte zu klein. Zu trivial für echte Fotografen, zu speziell für den Alltag. Kein HD, kein W-Lan, kein Facebook. Jedes Smartphone zoomt näher ran – und rutscht leichter rein in die Hosentasche.

Heute jage ich Staubmäuse in der Dunkelheit. Die einzige Kunst, die mir noch vor die Linse kommt, ist das Stillleben einer Schublade.

Heute weiß ich, wie die Balgenkamera sich fühlte. Das Dia und der Schwarz-Weiß-Film. Ich bin out. Passé. Sepia.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ein Gedanke zu “Aus dem Fokus