Den amerikanischen Traum leben 3


Von Freiheit und Brüderlichkeit

Mobbing. Lassen Sie sich dieses Wort mal auf der Zunge zergehen.

Klar, Sie kennen das. Haben davon gelesen. Sie wissen: Mit dem Argument „Aber so was passiert doch nur anderswo! kommen Sie aus der Sache nicht raus, denn die Nachbarstochter hatte in der sechsten Klasse damit zu kämpfen und die Schwester Ihres Schwagers – wie hieß sie gleich? – in ihrer alten Firma, drüben bei … was war das noch? Ja, gut, Mobbing gibt es überall, und es ist ein ernstzunehmendes Thema, finden Sie – und sehen dabei sogar ein bisschen betroffen aus.

Verstehen Sie überhaupt ein Wort von dem, was Sie da faseln? Was Sie gelesen haben? Verstehen Sie, was es für ein elfjähriges Mädchen bedeutet, Angst vor dem Ort zu haben, an dem ihr Leben sich abspielen sollte? Begreifen Sie, dass die Schwester Ihres Schwagers nicht verrückt ist, weil sie jetzt eine Therapie macht?

Mobbing gibt es überall. Nicht nur in Hollywood-Filmen. Nicht nur im Ghetto. Nicht nur einen Block weiter. Stellen Sie sich vor: Mobbing gibt es sogar bei Ihnen im Haus.

„Niemals!‟, sagen Sie.
„Und ob!‟, sage ich.

In der Sockenschublade, beispielsweise. Oder warum, meinen Sie, traut sich der graue linke Socken regelmäßig nicht aus Waschmaschine heraus?
Am Schlüsselbrett, beispielsweise. Oder warum, meinen Sie, ist der Autoschlüssel ständig verschwunden – niemals aber der Fahrradschlüssel?
Im CD-Regal, beispielsweise. Oder warum, meinen Sie, haben einige CDs plötzlich einen Kratzer, obwohl Sie sie seit Monaten nicht hervorgeholt haben?
Im Küchenschrank, beispielsweise, bei den Tassen. Oder woher, meinen sie, habe ich meine Narben?

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„Wie ist das denn passiert?‟, fragen Sie. „Und warum, um Himmels Willen?‟

Suchen Sie sich etwas aus. Das Meissener Porzellan beschimpft mich als Ausländer, das Service mit dem Goldrand als Yuppie. Für die Sammeltassen bin ich nicht cool genug, für die Espressotassen ein Aufschneider, für den Thermobecher ein Warmduscher, die Delfin-Tasse findet mich prüde, die Horoskop-Tasse oberflächlich, die Witz-Tasse zu retro.

„Wahrscheinlich selbst schuld, denken Sie jetzt. Und tatsächlich: Lange Zeit habe auch ich das gedacht. Vermutlich war ich arrogant. Wahrscheinlich habe ich jemanden beleidigt. Sicher habe ich mich nicht korrekt verhalten. Ganz bestimmt habe ich es verdient.

Unsinn!‟, sage ich jetzt, da ich aus der Reha zurück bin. Nachdrücklich, Ihnen und allen, die es hören wollen. Niemand hat den kollektiven Hass der Masse verdient. Niemand sollte allein gegen alle stehen. Ich kenne meinen Wert. Ich erkenne Neid, Missgunst, blinde Aggression. Und ich sage Ihnen: Da mache ich nicht mehr mit. Wenn ich hier nicht erwünscht bin, wandere ich aus. Gehe zurück. Nach Amerika.

Dort ist sowieso alles besser.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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3 Gedanken zu “Den amerikanischen Traum leben