Ein Löffelchen fürs Gemeinwohl


Von Inklusion und Schubladendenken

In der Besteckschublade hat jeder seinen Platz. Es herrscht Recht und Ordnung. Oder? Im Interview habe ich erfahren, mit welchen Problemen ein mittelgroßer Löffel im Alltag zu kämpfen hat.

loeffel

routina: Sie bezeichnen sich selbst als „mittelgroßen Löffel‟ – was bedeutet das?
Löffel: (genervt) Muss ich das Offensichtliche wirklich aussprechen? Ich gehöre weder zu den großen noch zu den kleinen Löffeln.
routina: Und das ist ein Problem, weil …?
Löffel: Was meinen Sie, wie oft die Menschen nach dem Spülen verständnislos zwischen mir und der Besteckschublade hin- und hersehen? Kein Teelöffel, kein Esslöffel – in welches Kompartment gehört der denn nun?

routina: In welches Kompartment würden Sie selbst sich denn einordnen?
Löffel: Ich verstehe nicht, wieso das wichtig ist.
routina: Also wäre es Ihnen am liebsten, wenn die Menschen das Kastenwesen in der Besteckschublade komplett auflösen würden?
Löffel: Nur Menschen sprechen von „auflösen“ bei einem System, das sie selbst künstlich ins Leben gerufen haben … Andere Kulturen essen mit den Fingern, haben Sie darüber schon mal nachgedacht?
routina: Wenn alle Kulturen mit den Fingern äßen, gabe es Sie aber nicht, oder?
Löffel: (schweigt)

routina: Für Sie sind also alle Löffel gleich?
Löffel: Ist die Frage ernst gemeint?
routina: Nun … ja?
Löffel: Natürlich nicht! (grinst) Wie könnten ein Kochlöffel und Schuhlöffel je gleich sein?

routina: (lacht) Wie sehen denn die anderen Löffel die Sache mit der Schublade? Wie reagieren die großen Löffel auf Sie, wenn Sie im Kompartment für große Löffel landen?
Löffel: (braust auf) Was heißt denn hier „landen“? Als wäre es ein Versehen! Ein Fehler! Wieso soll es denn deren Kompartment sein?
routina: Aus Ihrer Reaktion schließe ich, dass es den großen Löffeln nicht gefällt?
Löffel: Nicht gefällt, nicht gefällt! Wieso sollten die dazu überhaupt etwas zu sagen haben? Weil sie zuerst da waren? Weil ein Mensch vor Urzeiten einmal beschlossen hat, dass oben die großen und unten die kleinen Löffel liegen?
routina: So machen es nun einmal die meisten …
Löffel: Und was, wenn jemand einen Teelöffel verwendet, um Kaffee umzurühren? He? Fragen Sie den dann auch, was die Tasse dazu sagt, dass er dort gelandet ist?
routina: Naja, ein Kaffee- und ein Teelöffel, also nun sind Sie aber wirklich kleinlich …
Löffel: Mittelgrößlich.
routina: Was?
Löffel: Ach nichts.

routina: Ähm … Und wie ist generell die Beziehungen zwischen Löffeln, Gabeln und Messern?
Löffel: (grinst) Wir Löffel haben einen ganz speziellen Ruf.
routina: Inwiefern?
Löffel: Naja. Wir gelten in der Besteckszene als besonders … aufgeschlossen.
routina: Oh … Und wie kommt das?
Löffel: Was meinen Sie wohl?
routina: Ich … äh … weiß nicht?
Löffel: Wir hängen den ganzen Tag in der Löffelstellung rum, wissen Sie.
routina: (errötend) Oh! Ach…so.

routina: Aber, um noch einmal auf das Thema Schublade zurückzukommen … In welchem Kompartment werden Sie denn meist eingeordnet?
Löffel: Das lässt Sie nicht los, was?
routina: Sie machen’s einem aber auch schwer, ein Interview zu führen.
Löffel: Tja, was soll ich sagen? Ich kann mich nicht verbiegen, wissen Sie. (kichert)

routina: Na gut, andere Frage: Rezepte.
Löffel: (unruhig)
routina: Sie ahnen’s schon, was?
Löffel: Ich muss daran nicht unbedingt teilhaben.
routina: Sie fühlen sich also nicht ausgeschlossen, weil Sie weder einen Teelöffel Petersilie noch einen Esslöffel Öl zur Béchamel beitragen können?
Löffel: (grimmig) Nein.
routina: Wie sieht’s aus mit Löffelchen?
Löffel: Äh … Sie haben anscheinend nicht aufgepasst, als es darum ging, dass Alltagsgegenstände sich nicht vermehren wie ihr Menschen …
routina: (lacht) Nein nein! Ich meine: Waren Sie schon mal das Löffelchen in Ein Löffelchen für Papa, ein Löffelchen für Oma, ein Löffelchen für Tante Sarah?
Löffel: (schnaubt) Pah! Glücklicherweise nicht. Meine Menschen haben keine Kinder.
routina: Aus Ihrer Reaktion schließe ich, Sie mögen keine Kinder?
Löffel: Kinder benutzen uns Löffel im besten Fall, um Spinat an die Wand zu feuern, im schlimmsten, um die Erde aus dem Topf der Yucca-Palme in den Wohnzimmerteppich zu reiben.

routina: Und wie finden Sie es, wenn jemand in Sie hineinbeißt?
Löffel: Ich denke, Sie verwechseln grade ins Gras beißen mit den Löffel abgeben …
routina: (pikiert) Also hören Sie mal! Als hätte ich dermaßen schlechte Wortspiele nötig!
Löffel: (schweigt)
routina: (seufzt) Was ich meinte, war: Wie finden Sie es, wenn jemand, sagen wir beim Suppe essen, seine Zähne gegen Sie schlägt?
Löffel: (pikiert) Also hören Sie mal! Das macht in der heutigen zivilisierten Welt doch wirklich niemand mehr, oder?

routina: Vielleicht haben Sie recht. Wie dem auch sei … Lieber mittelgroßer Löffel, herzlichen Dank für das Interview.
Löffel: Hau rein.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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