Einbeinliebe 1


Entscheidend ist der Weg

In aktuellen Alltagsdebatten immer häufiger ein Thema: Liebe zwischen Schuhen derselben Seite. Im Interview erzählt der rote rechte Schuh von Klischees, Toleranz im Schuhschrank und persönlichen Ängsten.

schuhe_01

routina: Lieber roter rechter Schuh, der sprichwörtliche erste Schritt – ist er wirklich so schwer?
roter rechter Schuh: Da fragen Sie mich was! Ich schätze, die Richtung ist hier ganz entscheidend. Und der Weg. Wo schon achthundert Schritte vor dir gegegangen wurden, läuft es sich leichter – sei das zum Supermarkt oder nach Santiago de Compostela. Die schwierigsten Wege sind die, die man wirklich als Erster bewältigen muss. Und allein.
routina: Sie als Teil eines Schuhpaares sind niemals allein, oder?
roter rechter Schuh: Das stimmt. Segen und Fluch. Aber Sie fragten ja nach der sprichwörtlichen Bedeutung …

routina: Segen, Fluch und ungegangene Wege – gute Stichwörter. Erschwert Ihnen Ihre ungewöhnliche Liebe zum blauen rechten Schuhe den Alltag?
roter rechter Schuh: Das kommt ganz darauf an, aus welcher Perspektive Sie es betrachten wollen. Natürlich ist es schön, wenn man den ganzen Tag mit seinem Partner verbringen kann – das denkt jeder. Aber erstens muss es nicht sein. Wir sehen uns abends, im Schuhschrank. Tagsüber erfüllt jeder seine Aufgabe, das ist auch wichtig.
routina: Und zweitens?
roter rechter Schuh: Zweitens glauben Sie nicht, wie viele Paare es gibt, die einander nicht ausstehen können. Nicht jedes Paar Schuhe ist so glücklich, wie es aussieht, wissen Sie.

routina: Verstehen Sie sich denn mit dem roten linken Schuh?
roter rechter Schuh: Unsere Ansichten sind grundverschieden, das hat schon für die ein oder andere Auseinandersetzung gesorgt. Alles in allem ist er aber ein feiner Kerl, mit dem man viel Spaß haben kann, wenn man nicht zu sehr in die Tiefe geht, verstehen Sie?

routina: Eine eher oberflächliche Freundschaft also. Und sind Sie eifersüchtig auf den blauen linken Schuh?
roter rechter Schuh: Nein, wieso auch? Da könnte ich genauso eifersüchtig sein auf den Gummistiefel oder den Flip-Flop.

„Am Ende des Tages haben wir Probleme, die andere Schuhpaare nicht haben.‟

routina: Da Sie gerade davon sprechen – wie nehmen die anderen Schuhe Ihre ungewöhnliche Beziehung auf?
roter rechter Schuh: Ganz unterschiedlich. Sie würden nicht glauben, wie Schuhe einen überraschen können! Die Chucks beispielsweise: gar nicht mal so tolerant. Es gab da einen unschönen Vorfall beim Frühjahrsschuhputz – an so etwas erinnert man sich nicht gern zurück. Die Winterstiefel wiederum lassen sich nicht im geringsten anmerken, dass irgendetwas anders ist als bei anderen Paaren. Das tut gut, kann aber auch anstrengend sein. Denn am Ende des Tages haben wir Probleme, die andere Schuhpaare nicht haben. Die kann man nicht einfach wegtolerieren. Naja, und dann gibt es auch Schuhe, die sehr offen und interessiert sind – die Badelatschen beispielsweise oder der linke rosa Ballerina.
routina: Was ist mit dem rechten rosa Ballerina?
roter rechter Schuh: Das ist ein schwieriges Thema. Wir haben (zögert) gewissermaßen eine Historie. Darüber möchte ich nicht sprechen.

routina: Natürlich. Wie ist das denn – hatten Sie diese Vorliebe für andere rechte Schuhe schon immer oder hat sich das erst später entwickelt?
roter rechter Schuh: Ich habe den blauen rechten Schuh kennengelernt und wusste, dass er mein Partner fürs Leben ist. Ich weiß nicht, ob das etwas mit rechts und links zu tun hat.
routina: Sie finden rechte Schuhe also nicht per se attraktiver?
roter rechter Schuh: (überlegt) Doch, vermutlich schon. Damals, im Schuhgeschäft, als alle rechten Schuhe im Regal standen und alle linken Schuhe im Lager in den Kartons lagen, da habe ich mich immer gefragt, wieso die anderen so unglücklich sind, wieso sie sich nach den linken Schuhen sehnten. Mir hat diese Gesellschaft völlig ausgereicht.
routina: Denken Sie, dass sich Ihre Neigungen damals dort entwickelt haben?
roter rechter Schuh: Was für ein Unsinn! Emotionen und Neigungen werden doch nicht von den äußeren Umständen getriggert! Alles, was ich meinte, war, dass ich damals gemerkt habe, dass ich anders bin als die anderen rechten Schuhe.

„Die Natur hat keine Liebe vorgesehen.‟

routina: Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dass es wider die Natur ist, dass zwei rechte Schuhe zusammen sind?
roter rechter Schuh: Dieses Argument macht mich wahnsinnig! Die Natur hat keine Liebe vorgesehen, sondern Funktion! Sie hat einen rechten und einen linken Fuß vorgesehen – und die laufen am besten in einem rechten und einem linken Schuh. Das war’s aber auch. Dem widerspreche ich nicht, und ich handle auch nicht dagegen. Schuhe hat die Natur übrigens überhaupt nicht vorgesehen – wir sind aber trotzdem da. Diesen Umstand kritisiert keiner.

routina: Haben Sie sich schon mal mit dem Gedanken befasst, dass Sie getrennt werden könnten?
roter rechter Schuh: Natürlich, damit befasst jedes Paar sich früher oder später, oder nicht? Vielleicht lande ich viel früher in der Altkleidersammlung als der blaue rechte Schuh. Vielleicht entwickelt unser Mensch eine Abneigung gegen Rot – das war es dann. Vielleicht wird sie aber auch Hippie und entwickelt eine Abneigung gegen Schuhe – wer weiß, was dann passiert. Es gibt hundert Szenarien und man weiß einfach nicht, was der Alltag bringt. Es ist müßig, sich um etwas zu sorgen, das noch nicht ist.

routina: Eine gesunde Einstellung. Haben Sie schon immer so gedacht oder haben Sie sich das im Laufe der Zeit angeeignet?
roter rechter Schuh: (lacht) Oh, früher habe ich viel mit mir gehadert. Weniger mit meinen Emotionen – dazu konnte ich glücklicherweise von Anfang an stehen. Anders als der blaue rechte Schuh, übrigens. Er hatte weitaus mehr Probleme, sich so zu akzeptieren, wie er ist. Ich hatte früher große Komplexe, weil ich keine Schnürsenkel habe. In der Schuhfarbik habe ich jeden Tag darauf gewartet: Wann kommen die Schürsenkel? Und dann, im Schuhladen, erzählten die anderen Schuhe mir, dass manchmal die Schnürsenkel bis zum Verkauf im Karton bleiben. Aber nichts. Und es ist nicht, als hätte ich mir da etwas eingeredet. Ich habe durchaus Löcher, sehen Sie? Aber offensichtlich sind dennoch keine Schnürsenkel vorgesehen. Eine Zeitlang dachte ich, Schnürsenkel gehören zu einem alltagstauglichen Schuh einfach dazu.
routina: Und heute?
roter rechter Schuh: Heute weiß ich, dass es auf Funktion – womit wir übrigens wieder beim Thema wären, sehen Sie? – in vielen Fällen überhaupt nicht mehr ankommt. Es gibt Sneakers mit Absätzen und Sohlen, auf denen man läuft wie barfuß. Wenn die Natur Schuhe vorgesehen hätte, wäre das genauso wider die Natur wie zwei rechte Schuhe, die ein Paar sind.

routina: Da haben Sie wohl recht. Zum Abschluss noch eine Frage: In wessen Fußstapfen würden Sie gerne mal treten?
roter rechter Schuh: (lacht verschämt) Ich weiß, dass es albern ist, aber auf den Spuren von Gene Kellys Schuhen im Regen … also da würde ich schon gern mal wandeln!

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ein Gedanke zu “Einbeinliebe

  • Manschettenknopf

    Schön, dass dieses Thema auch hier endlich einmal offen angesprochen wird! Gerade wir konventionellen Alltagsgegenstände stehen unter einem enormen Erwartungsdruck. Ich glaube, bei relativ jungen Gegenständen ist das noch einfacher. Zum Beispiel kenne ich Kopfhörer, bei denen der linke mit dem linken eines anderen Kopfhörers liiert ist. In dieser Szene absolut kein Thema.
    Es freut mich, dass der rote und der blaue rechte Schuh ihre Liebe ausleben können und ich hoffe, dass dieses Interview dazu beträgt, mehr Verständnis und Toleranz zu schaffen – inner- und außerhalb des Schuhschranks!