Ich vergaß, dass es nicht meine Worte waren


Schreibmaschine_01

Wenn man angekommen ist, wo ich jetzt bin, fragt man sich unwillkürlich: Was waren die besten Tage? Ich habe darüber lange nachgedacht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die besten Tage etappenweise kamen.

„Meistens verachteten wir uns gegenseitig.‟

Zu Beginn, als ich modern und neu, als Möbel noch aus massivem Holz und Buchstaben mehr als pixelige Elemente auf einem Display waren, als die Menschen mit Stolz auf mich blickten und beinahe ehrfürchtig meine Tasten berührten – zaghaft und sanft zunächst, und dann, wenn die Schreibwut sie packte, immer schneller und leidenschaftlicher -, da war ich, ich muss es ehrlich zugeben, auch arrogant und überheblich. Ich blickte auf den Füllfederhalter hinab, weil seine Buchstaben abhängig waren vom Menschen, weil es keine Einheitlichkeit in seinem Schriftbild gab. Ich sah nicht, dass er anders war, dass er einen anderen Zweck und durchaus Talente hatte, die ich nicht besaß. Ich sah nur mich und die Worte, die ich aufs Papier brachte – und vergaß dabei, dass es nicht meine waren.
In dieser Zeit war mein Platz auf dem Schreibtisch, direkt neben der Banker’s Lamp, und manchmal verachteten wir gemeinsam alles um uns herum. Meistens jedoch verachteten wir uns gegenseitig.
Abenteuerromane wollte ich auf mir geschrieben sehen, Essays und wissenschaftliche Abhandlungen und süße Liebesbriefe!
Damals fühlte ich mich gut, das ist wahr – aber die besten Tage waren es nicht.

Später wurde ich zu einer Art Besonderheit, die Menschen brauchten mich nicht mehr, sie verwendeten mich für Schriftstücke, denen sie besondere Aufmerksamkeit widmen wollten, die ihnen am Herzen lagen. Vornehmlich Briefe. Das kam immer seltener vor, und ich wurde vom Schreibtisch auf einen kleinen Beistelltisch abgeschoben. Nun waren es die Kinder, die auf mir schreiben wollten, die mit ihren kleinen Fingern ehrfürchtig über meine Tasten strichen, die so lange um Erlaubnis bettelten, bis sie schließlich auf mir tippen durften, vorsichtig und behutsam. Ihre Worte waren scheinbar bedeutungslos – dabei waren es echte Träume, die ihren Weg aufs Papier fanden. Unfassbar Fantastisches, unverfälschte Gefühle. Drohbriefe an den Klassenkameraden schrieben sie auf mir, Wunschzettel für Weihnachten. Kleine Geschichten. Tagebuch.
Anfangs fügte ich mich schwer in diese neue Rolle, war ich es doch gewohnt, Großes zu schreiben, Großartiges, in und zwischen den Zeilen. Doch ich gewöhnte mich daran, und ich lernte die Kindertexte lieben, denn das waren sie: liebenswert. Jedes ihrer Worte mehr wert als die Seiten der Erwachsenen, die nun anderswo geschrieben wurden.
Das waren gute Tage.

„Jegliche Bedeutsamkeit war aus meiner Existenz verschwunden.‟

Es war die Zeit der Revolution: elektrische Schreibmaschinen übernahmen das förmliche Schriftstück. Sie bestanden aus Plastik und hatten ein Kabel. Alles an ihnen war eckig und grau. Ich konnte nicht glauben, was da vor sich ging. Wo war die Kunst geblieben, die Präzision? Plötzlich ließen sich Fehler mit einem einzigen Tastendruck ausmerzen. Automatisch! Schneller wurden die Texte, unüberlegter.
Und ich wohnte von nun an im Kinderzimmer, jegliche Bedeutsamkeit war aus meiner Existenz verschwunden. Ein Spielzeug, völlig unüberwacht durften die Kinder nun über mich bestimmen.

Heute bin ich eine Antiquität – es lässt sich nicht anders ausdrücken. Jahre verbringe ich nun schon in meiner Box in der Abstellkammer. Staubig. Vergessen. Selbst von den Kindern. Eingetrocknet die Farbe auf meinem Band – ich weiß nicht, ob ich noch einen kompletten Satz aufs Papier bringen könnte. Manchmal stoßen sie wieder auf mich, die Kinder, die nun selbst Kinder haben, die gar nicht mehr wissen, was eine Schreibmaschine ist, auf der Suche nach der Kühltasche oder den alten Fotos auf dem oberen Regalbrett. Dann glänzen ihre Augen wieder, sie erinnern sich an die guten Zeiten, die wir zusammen hatten, an die Worte, die wir gemeinsam zu Papier brachten. Ich stehe für die Träume, die sie hatten, die damals noch real und wichtig waren.
Ich mag diese Momente, auch wenn sie seltener werden. Auch das sind gute Tage.

Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn es nur noch die Menschen gibt, die niemals darauf angewiesen waren, ein Wort auf mir zu tippen. Ob ich achtlos auf dem Sperrmüll landen werde oder hinter einer Vitrine, um aus der Ferne begafft zu werden.

Wir werden sehen.

Bis dahin erinnere ich mich. An die Geschichten, die auf mir geschrieben wurden. Halte mich an den Träumen fest. Und frage mich, wer meine Geschichte schreiben wird.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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