Ich will’s natürlich


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Früher stand ich für Verantwortung, für gesundes und bewusstes Handeln mit dem Wissen um Konsequenzen, für Sicherheit. Für Liebe, aber auch für Spaß. Für Leben – wenn auch nicht für neues Leben.

Heute bin ich veraltet, altmodisch. Gefährlich, unsicher. Kann reißen, kann verrutschen, kann platzen, kann porös sein. Als sei die unerwünschte Produktion von Kindern das einzig gefährliche am Sex. Aber überraschenderweise vertrauen die Menschen einander heutzutage. Als umfasse die Garantie, die man mit der Bindung an einen einzigen Menschen scheinbar gibt, rückwirkend auch die Jugendsünden, die vier bis acht Menschen, an die man sich zuvor ernstlich gebunden hat, sowie deren Geschlechtspartner …

Rosarote Versprechungen vs. knalliger Kautschuk

Rücksichtslos hat die Pille sich in ihrem 50-jährigen Bestehen an die Spitze des Marktes gekämpft, hat uns mechanische Verhütungsmittel systematisch defamiert. In seriösen Blisterverpackungen kommt sie daher, weiß und rein – und propagiert das Image von entspanntem und sauberem Geschlechtsverkehr. 99,9 % Sicherheit. Leicht anwendbar, scheinbar ohne Gefühlshemmung und vor allem: ohne Auszeiten beim Liebesspiel.

Ihre größten Fans: die Frauenärzte. Ich stelle mir vor, wie sie sich mittwochsnachmittags treffen und eingelöste Rezepte in Sammelalben kleben:

„Hast du diese Woche schon die Lamuna 20 verschrieben?‟
– „Nein, aber die Qlaira.‟
„Respekt!‟
– „Dafür ist mir eine Petibelle abgesprungen. Kinderwunsch mit 23!‟
„Och nee, ernsthaft?‟

Damit sie mithalten und mitreden können, verschreiben sie die Pille jeder Patientin, die im halbwegs passenden Alter ist. Schließlich hilft sie ja gegen Vieles, insbesondere gegen Mitesser: Pickel und Kinder. Verringerte Menstruationsschmerzen. Ein Zyklus, nach dem man den Mond stellen kann. In 1,2 % der Fälle wird die Libido gesteigert, 0,7 % der Anwenderinnen verlieren sogar an Gewicht. Sie sehen: nur Vorteile!

Kontrolle ist besser als Kleingedrucktes

Das bisschen Thrombose, die Kopfschmerzen und die Übelkeit – das sind wirklich Kleinigkeiten. Ob die depressiven Stimmungen nicht schlechtweg genetische Disposition sind, also das kann man ja gar nicht sagen. Und dem Ganzen steht immer noch die 99,9 %-ige Sicherheit gegenüber: Wer schafft es schon, im Eifer des Gefechts ein Kondom mit 99,9 %-iger Sicherheit korrekt überzuziehen?

Die Menschen vertrauen ihrem Partner, Selbstvertrauen haben sie keins. Sonst kämen sie vielleicht auf den Gedanken, dass man es früher auch schon geschafft hat, regelmäßig den Geschlechtsakt zu praktizieren, ohne im Laufe des Lebens 17 mal schwanger zu werden. Aber heute sind die Frauen ja auch emanzipiert und wollen die Verhütung selbst in die Hand nehmen. So viel Vertrauen ist es dann doch nicht.

Alleskönner aus der Apotheke?

Die Ärzte wissen ja bekanntermaßen, was das Beste ist – und haben an alles gedacht: Damit man sich möglichst früh an die kontinuierliche Hormonzufuhr und ihre Auswirkungen auf den eigenen Körper gewöhnen kann, beginnt man bereits mit 14 Jahren. Wenn man die Pille im Alter von 35 wegen der tickenden biologischen Uhr absetzt, zieht man gar keine Verbindung mehr, sondern schiebt das verbesserte Lebensgefühl auf die Vorfreuden des Elterntums.

An eines denken sie aber nicht, die Frauenärzte und emanzipierten Frauen mit reiner Haut, die Apotheker und die entlasteten Herren: Gegen die Sauerei auf dem Ledersofa wurde noch keine Pille erfunden.

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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