Über den Wolken 2


Den Urlaub zum Alltag machen – davon träumen viele Alltagsgegenstände. Für den Koffer ist das Realität. Ich erfahre aus erster Hand, wie beruhigend der Urlaubsalltag sich auf das Gemüt eines Gegenstands auswirken kann.

koffer

routina: Den Koffer packen und ab in den Urlaub – was für ein Gefühl ist das für Sie?
Koffer: Was für ein Gefühl ist es für Sie, morgens zur Arbeit zu gehen?
routina: Nun … Also darüber möchte ich jetzt wirklich nicht …
Koffer: Sehen Sie? Alltag ist Alltag.

routina: Trotzdem haben Sie anderen Gegenständen etwas voraus: Sie kommen in der Welt herum!
Koffer: Das stimmt. Sie dürfen dabei aber nicht vergessen, dass das mein Job ist. Selbst Diamanten verlieren nach einiger Zeit ihren Reiz, habe ich mir von einer Juwelierslupe sagen lassen.

„Es ist schade, dass Zugreisen aus der Mode gekommen sind.‟

routina: Ist das so? Und welche Art zu reisen ist Ihnen die liebste?
Koffer: Da sagen Sie was. Flugreisen sind nichts für mich! Wenn ich die Wahl hätte, ich wäre nur mit dem Zug unterwegs.
routina: Das ist ja interessant – wieso denn gerade mit dem Zug?
Koffer: Da bekomme auch ich etwas mit von der Reise. Ihr Menschen mögt Flugreisen bevorzugen, weil sie euch an weit entfernte Ziele und nahe eures geliebten Himmels führen – nicht, dass ich das nicht verstehen würde! Auf einem Fensterplatz ließe ich mir das durchaus auch gefallen, glauben Sie mir. Aber nun stellen Sie sich einmal vor, Sie liegen drei Stunden eingepfercht zwischen vier anderen Menschen in einem dunklen, bitterkalten Frachtraum mit nichts als Abgasen und Motorengeräuschen.
routina: Verstehe.
Koffer: Und erst die Umgangsformen.
routina: Die Leute am Flughafen gehen vermutlich nicht gerade zimperlich mit euch Koffern um …
Koffer: Nicht gerade zimperlich? Fräulein routina, was Sie ganz richtig vermuten, ist gerade mal die Spitze des Eisbergs! Werden wir rücksichtslos herumgeworfen? Ja. Tritt man uns mit Füßen, wenn wir – nicht durch eigene Schuld wohlgemerkt! – im Weg herumstehen? Ja. Lässt man uns im gerne auch mal im Regen stehen, als wären wir alle Wanderrucksäcke mit perlender GoreTex-Beschichtung? Ja. Aber was noch viel schlimmer ist: Toleranz und Privatsphäre gibt es nicht, wenn Sie ein Koffer sind! Ein Kilo zuviel und Sie werden schief angeguckt. Müssen Sie extra zahlen, wenn Sie über Ihrem Normalgewicht liegen?
routina: (lacht) Zum Glück nicht.
Koffer: Genau. Sie setzen sich auf uns drauf mit Ihrem fetten Hintern „Geh schon zu!‟, und in dem Augenblick, da der Reißverschluss sich schließt, ist die Angelegenheit für Sie erledigt. Sie zurren pfeifend den Koffergurt fest, zufrieden mit Ihrer Leistung.
routina: Also, das ist jetzt a-
Koffer: Und damit nicht genug! Der entwürdigendste Teil kommt erst noch. Ihr Menschen debattiert über Sinn und Unsinn, Recht und Unrecht des Körperscanners an Flughäfen – wir Koffer machen das seit Jahren, Jahrzehnten mit! Und niemanden schert es! Nicht jeder Koffer ist kriminell, wissen Sie? Ich schmuggle keine Waffen und keine Drogen, und erst recht versuche ich nicht, den Zoll zu betrügen! Aber bitte, tun Sie sich keinen Zwang an, schauen Sie einfach mal rein, wühlen Sie in mir herum mit Ihren Dreckpranken und stopfen Sie im Anschluss alles wieder hinein. Das ist wirklich kein Problem.

routina: Ich … Nun … Sie reisen also gerne mit dem Zug?
Koffer: In der Tat. Oben auf der Kofferablage hat jeder sein eigenes Plätzchen mit perfekter Aussicht sowohl auf die Reisenden wie auch aus dem Fenster. Es ist schade, dass Zugreisen so aus der Mode gekommen sind.

„Überhebliches Pack!‟

routina: Sie sprachen vorhin von Wanderrucksäcken. Heutzutage sind gerade die jungen Leute immer öfter mit Reisetaschen oder Rucksäcken unterwegs. Wie schätzen Sie als professioneller Koffer diese neue legere Reisekultur ein?
Koffer: Was bitte soll daran neu sein? Ihr Menschen wart schon immer ohne Sinn und Verstand nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Selbstverständlich, Wanderrucksäcke sind praktisch – wer möchte schon einen Rollkoffer durch Australien ziehen? Weniger praktisch: Wenn die ganzen Schnallen und Gurte auf dem zehnstündigen Flug vor Ihnen herumbbaumeln oder Sie die zweifelhafte Ehre haben, die ganze Flugzeit zwischen zweien solcher Würste eingekeilt zu verbringen und die zahlreichen Extrafächer sich in Ihre Seite drücken. Ich meine, was ist an der klassischen rechteckigen Form nicht in Ordnung?
routina: Ein Hartschalenkoffer ist da sicher der angenehmere Reisegefährte.
Koffer: Sind Sie verrückt? Das ist ein überhebliches Pack! Sie glauben nicht, w-

routina: Also, wie ist das denn, wenn Sie nicht auf Reisen sind, packt Sie da manchmal das Fernweh?
Koffer: Als ob ich dafür Zeit hätte! Glauben Sie wirklich, man kann allein durch die Urlaubszeit über Wasser halten? Natürlich habe ich einen Zweitjob.
routina: Tatsächlich? Und zwar …?
Koffer: Im Winter verdinge ich mich als Lagerstätte. Auf dem Schrank oder unter dem Bett. Badetücher, Bettwäsche, ausrangierte Pullover … Die Möglichkeiten sind endlos. Selbstverständlich bin ich für den Job reichlich überqualifiziert, aber was wollen Sie machen? Und ich will mich ja auch gar nicht beschweren.
routina: Das widerspräche völlig Ihrer Art.
Koffer: Ganz recht. Wissen Sie, eine Kollegin von mir ist Vollzeitkoffer – immer unterwegs. Das wäre auch nichts für mich.

routina: Alles in allem haben Sie es also recht gut getroffen, nicht wahr? Für den nächsten Urlaub wünsche ich Ihnen auf jeden Falle eine schöne Zugreise!
Koffer: Naja, also so schön finde ich Zugfahren dann auch wieder n-
routina: Herzlichen Dank für das Interview!

Daumen, Gezwitscher und so, los! :)

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2 Gedanken zu “Über den Wolken

  • Bauchtasche

    Wenn man will, sieht man die Welt auch bei der Arbeit! Urlaub ist genauso mein Job wie deiner, nur hab ich Spaß dabei. Dein Zweitjob klingt ehrlich gesagt auch nicht gerade nach der Qual schlechthin. Hey, andere liegen 11,5 Monate des Jahres in einer dunklen Schublade!